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Backkultur

Mehlspeisen, Kirtag und Brot

Woher die Klassiker kommen, was sie technisch zusammenhält — und wie weit das ohne tierische Zutaten trägt.

Die österreichische Mehlspeisenküche ist eine Wanderungsgeschichte. Der Strudel kam über die osmanische Küche und Ungarn, die Buchtel aus Böhmen, die Palatschinke trägt einen Namen, der über Ungarn und Rumänien auf das Lateinische zurückgeht. Was heute als typisch wienerisch gilt, ist überwiegend eingewandert und hier zu etwas Eigenem geworden.

Jeder Eintrag nennt, was die Struktur trägt. Das ist der entscheidende Punkt: Wo Ei nur bindet, ist der Austausch einfach. Wo geschlagenes Eiklar das ganze Gericht ausmacht — wie beim Salzburger Nockerl — ist es eine eigene Zubereitung und nicht dasselbe mit getauschter Zutat.

Kaffeehaus und Hausmannskost

Mehlspeisen

9 Einträge

Apfelstrudel

gut machbar
Herkunft

Das Prinzip des hauchdünn gezogenen Teigs stammt aus der osmanischen Küche und kam über Ungarn nach Wien. Das älteste erhaltene Strudelrezept — ein Milchrahmstrudel — steht in einer Handschrift von 1696 in der Wienbibliothek. Der ausgezogene Apfelstrudel ist erstmals 1827 in Anna Dorns Großem Wiener Kochbuch belegt.

Was die Struktur trägt

Der Teig lebt vom Kleber im Mehl, nicht von Ei. Gezogen wird er so dünn, dass man Zeitung durchlesen können soll.

Pflanzlich

Der klassische Strudelteig besteht ohnehin nur aus Mehl, Wasser, Öl und Salz — er ist pflanzlich. Ersetzt werden muss lediglich die Butter zum Bestreichen und in den Bröseln.

Kaiserschmarrn

etwas Technik
Herkunft

Mehrere Ursprungslegenden ranken sich um Kaiser Franz Joseph I., belegt ist keine davon. Wahrscheinlicher ist eine Herleitung aus dem bäuerlichen Schmarrn, der als einfache Mehlspeise weit älter ist.

Was die Struktur trägt

Ei sorgt für Bindung, Lockerung und die typische Bräunung. Der aufgeschlagene Eiklarschnee macht ihn flaumig.

Pflanzlich

Aquafaba übernimmt den Schnee, Kichererbsenmehl die Bindung. Apfelmus mit Backpulver ist die einfachere Variante — sie ergibt einen dichteren, aber gut gelingenden Schmarrn.

Palatschinken

gut machbar
Herkunft

Der Name führt über das ungarische palacsinta und das rumänische plăcintă auf das lateinische placenta zurück — Kuchen oder Fladen. Ein Wort, das mit dem Habsburgerreich gewandert ist.

Was die Struktur trägt

Ei und Milch geben Bindung und Elastizität, damit der Teig dünn bleibt und nicht reißt.

Pflanzlich

Pflanzendrink plus etwas Stärke oder Kichererbsenmehl. Der Teig sollte zwanzig Minuten quellen — dann hält er auch ohne Ei zusammen.

Germknödel

gut machbar
Herkunft

Germ ist das österreichische Wort für Hefe. Die Füllung aus Powidl — ungezuckert eingekochtes Zwetschkenmus, aus dem tschechischen povidla — macht den Knödel aus.

Was die Struktur trägt

Der Germteig braucht Hefe, Mehl, Flüssigkeit und Zeit. Ei ist nicht zwingend.

Pflanzlich

Pflanzendrink statt Milch, Öl oder Margarine statt Butter. Powidl ist ohnehin pflanzlich. Statt Butter zum Übergießen: geschmolzenes Kokosfett oder Margarine mit Mohn und Zucker.

Buchteln

gut machbar
Herkunft

Böhmischer Herkunft, vom tschechischen buchta. Über die Zuwanderung aus Böhmen und Mähren fest in der Wiener Küche verankert.

Was die Struktur trägt

Wie beim Germknödel trägt die Hefe. Butter im Teig macht ihn mürbe.

Pflanzlich

Margarine ohne Milchanteil oder Öl. Der Teig gelingt zuverlässig, weil Germteig ohnehin selten auf Ei angewiesen ist.

Salzburger Nockerl

anspruchsvoll
Herkunft

Die drei Spitzen sollen die Salzburger Hausberge darstellen — Gaisberg, Mönchsberg und Kapuzinerberg. Als Süßspeise seit dem 17. Jahrhundert überliefert.

Was die Struktur trägt

Das Gericht ist im Kern geschlagenes Eiklar mit wenig Mehl und Dotter. Fast nichts trägt außer dem Schaum.

Pflanzlich

Der schwierigste Fall der österreichischen Mehlspeisenküche. Aquafaba lässt sich steif schlagen, ist aber hitzeempfindlicher und fällt schneller zusammen. Machbar, aber es bleibt eine eigene Zubereitung — nicht dasselbe Gericht mit getauschter Zutat.

Sachertorte

anspruchsvoll
Herkunft

1832 von Franz Sacher entwickelt, damals sechzehnjähriger Lehrling in der Hofküche des Fürsten Metternich. Über die Rechte am Namen wurde jahrzehntelang prozessiert, 1963 kam ein Vergleich zustande.

Was die Struktur trägt

Getrennt geschlagenes Ei gibt Struktur, Butter die Mürbe. Die Marillenmarmelade unter der Glasur ist die zweite Schicht.

Pflanzlich

Aquafaba für den Schaum, Margarine oder Kakaobutter für die Fettphase. Die Kuvertüre muss milchfrei sein — viele Zartbitterschokoladen enthalten trotzdem Milchbestandteile. Die Glasur selbst ist Zucker, Wasser und Schokolade und damit unproblematisch.

Linzer Torte

gut machbar
Herkunft

Das älteste überlieferte Rezept stammt von 1653 — vier Varianten im Kochbuch einer Veroneser Gräfin, verwahrt im Stift Admont. Die oft behauptete Einstufung als ältestes Tortenrezept der Welt trägt nicht: Französische Kochbücher des 14. Jahrhunderts enthalten bereits Tortenrezepte.

Was die Struktur trägt

Mürbteig mit gemahlenen Nüssen, Zimt und Gewürznelken. Ei bindet, ist aber ersetzbar.

Pflanzlich

Mürbteig gelingt ohne Ei zuverlässig — die Nüsse und das Fett tragen. Etwas Pflanzendrink oder Apfelmus als Bindung reicht.

Punschkrapfen

etwas Technik
Herkunft

Entstanden als Resteverwertung: Tortenabschnitte werden mit Rum, Marmelade und Schokolade zu einer Masse verarbeitet und mit rosa Zuckerglasur überzogen.

Was die Struktur trägt

Die Masse ist unkritisch. Kritisch ist der Biskuit darunter und die Farbe der Glasur.

Pflanzlich

Biskuit ohne Ei über Aquafaba oder Sojamehl. Bei der rosa Glasur auf den Farbstoff achten — E120 Karmin stammt aus Schildläusen. Rote-Bete-Konzentrat und Anthocyane sind die pflanzlichen Alternativen.

Was am Stand gebacken wird

Kirtag und Volksfest

5 Einträge

Langos

gut machbar
Herkunft

Ungarischer Herkunft, von láng — Flamme. Ursprünglich am Rand des Brotbackofens gebacken, während das Brot backte.

Was die Struktur trägt

Germteig, in Fett ausgebacken. Traditionell mit Knoblauch eingerieben.

Pflanzlich

Der Teig ist meist ohnehin ohne Ei, manchmal jedoch mit Schmalz oder Joghurt — dann Öl beziehungsweise Sojajoghurt. Der Belag aus Sauerrahm und Käse lässt sich pflanzlich gut nachbauen.

Prügelkrapfen und Baumkuchen

anspruchsvoll
Herkunft

Am Spieß über offenem Feuer gebacken, Schicht für Schicht. Verwandt mit dem siebenbürgischen Kürtőskalács. In Österreich vor allem als Hochzeits- und Festgebäck überliefert.

Was die Struktur trägt

Der flüssige Teig muss am rotierenden Spieß haften und schichtweise stocken. Ei und Butter leisten beides.

Pflanzlich

Technisch anspruchsvoll. Die Haftung am Spieß und das schichtweise Stocken sind ohne Ei schwer zu erreichen. Beim Kürtőskalács-Typ mit Germteig ist es deutlich leichter als beim Rührteig-Baumkuchen.

Zuckerwatte

gut machbar
Herkunft

Zucker wird geschmolzen und durch feine Öffnungen geschleudert — die Fäden erstarren zu Watte. Als Jahrmarktsattraktion seit dem späten 19. Jahrhundert verbreitet.

Was die Struktur trägt

Nichts außer Zucker.

Pflanzlich

Reiner Zucker ist pflanzlich. Zu prüfen ist die Farbe: E120 Karmin wird für Rosa eingesetzt. Bei Rübenzucker stellt sich auch die Frage nach Knochenkohlefilterung nicht — die betrifft überwiegend Rohrzucker außerhalb Europas.

Gebrannte Mandeln

gut machbar
Herkunft

Zucker, Wasser und Mandeln, bis der Zucker karamellisiert und die Mandeln umhüllt. Ein Klassiker jedes Kirtags und Adventmarkts.

Was die Struktur trägt

Zucker und Nüsse.

Pflanzlich

In der Grundform pflanzlich. Manche Zubereitungen setzen Butter zu — nachfragen lohnt.

Erdäpfelpuffer und Kartoffelspiralen

gut machbar
Herkunft

Reibekuchen in verschiedenen regionalen Ausprägungen, am Stand meist frisch ausgebacken.

Was die Struktur trägt

Erdäpfel, Zwiebel, Bindung.

Pflanzlich

Ei dient nur der Bindung und lässt sich durch die Kartoffelstärke selbst ersetzen — gut ausdrücken, dann hält die Masse. Beim Frittierfett und beim Dip nachfragen.

Sauerteig und Regionalität

Brot

3 Einträge

Bauernbrot

gut machbar
Herkunft

Roggen-Weizen-Mischbrot mit Sauerteig, in unzähligen regionalen Varianten. Die lange Führung gibt Aroma und Haltbarkeit.

Was die Struktur trägt

Sauerteig, Mehl, Wasser, Salz. Mehr braucht es nicht.

Pflanzlich

In der Grundform pflanzlich. Kritisch sind Zusätze: Milchpulver und Butter in manchen Rezepturen, Honig als Färbe- und Geschmacksmittel, sowie E920 L-Cystein als Mehlbehandlungsmittel — dessen Herkunft variiert.

Tiroler Brot und Vinschgerl

gut machbar
Herkunft

Kräftiges Roggenbrot mit Brotgewürz — meist Kümmel, Fenchel, Anis und Koriander. Vinschgerl sind flache Roggenfladen aus dem Vinschgau.

Was die Struktur trägt

Roggensauerteig. Roggen hat wenig Kleber, deshalb ist die Säure für die Krume entscheidend.

Pflanzlich

Ohnehin pflanzlich. Das Brotgewürz ist der eigentliche Charakterträger — und rein pflanzlich.

Schüttelbrot

gut machbar
Herkunft

Dünnes, hartes Roggenfladenbrot aus Südtirol. Der Name kommt vom Schütteln des Teiglings auf dem Brett, das ihm die flache Form gibt.

Was die Struktur trägt

Roggen, Sauerteig, Brotgewürz. Wird sehr trocken gebacken und ist dadurch lange haltbar.

Pflanzlich

Pflanzlich in der klassischen Form. Ein gutes Beispiel dafür, dass Haltbarkeit historisch durch Technik erreicht wurde, nicht durch Zusätze.

Wonach beim Kauf zu fragen ist

Bei offen abgegebenen Backwaren gibt es keine Zutatenliste zum Nachlesen. Auskunft über Allergene muss der Betrieb geben können, über Milch, Ei, Honig und Schmalz hinaus ist es eine Frage der Bereitschaft.

Häufige Stolpersteine: Milchpulver und Butter in Brotrezepturen, Honig zum Färben, Schmalz im Germteig, Gelatine in Tortenguss und Cremefüllungen, Schellack als Überzug auf glänzenden Erzeugnissen, Karmin in rosa Glasuren, Molkepulver in Fertigbackmischungen.

Nachschlagen im Glossar, Zutatenlisten prüfen mit dem Zutaten-Check.

Zur Einordnung

Diese Seite nennt keine Betriebe, Konditoreien oder Erzeugnisse. Sie beschreibt Herkunft und Handwerk. Historische Namensgeber sind genannt, wo sie zur Sache gehören — nicht als Empfehlung.

Der Aufbauplan der Rezeptbereiche steht unter Küchen und Regionen.