Journal · Einkauf
Pflanzendrinks —
was drin ist und was fehlt
Der Unterschied zwischen den Sorten ist größer als der zwischen pflanzlich und tierisch. Und ein Detail sorgt dafür, dass ausgerechnet Bio-Drinks kein Kalzium enthalten dürfen.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Beratung dar. Für Säuglinge und Kleinkinder sind Pflanzendrinks kein Ersatz für Muttermilch oder Säuglingsnahrung — das ist ein ärztliches Thema. Mehr dazu
Zuerst zur Bezeichnung
„Hafermilch" steht auf keiner Packung, und das hat einen Grund. Nach EU-Recht sind „Milch", „Käse", „Butter", „Joghurt" und „Rahm" ausschließlich für Erzeugnisse tierischen Ursprungs reserviert. Korrekt heißt es Haferdrink, Sojadrink, Mandeldrink.
Bemerkenswert daran ist die Schieflage: Bei Fleischbezeichnungen entschied der Europäische Gerichtshof 2024, dass „Schnitzel" oder „Steak" für pflanzliche Produkte nicht pauschal verboten werden dürfen, solange klar gekennzeichnet wird. Bei Milchbezeichnungen bleibt das Verbot streng — und stammt aus dem Recht der gemeinsamen Marktorganisation für Agrarprodukte, also aus der Agrarpolitik.
Und noch eine Schieflage, diesmal steuerlich: In Österreich unterliegt Kuhmilch dem ermäßigten Umsatzsteuersatz von 10 Prozent, Pflanzendrinks dem vollen Satz von 20 Prozent. Der Preisunterschied im Regal ist also nicht nur eine Frage der Herstellungskosten.
Vergleich
Was die Sorten unterscheidet
Die brauchbare Faustregel: Wer den Drink als Getränk oder für den Kaffee verwendet, kann nehmen, was schmeckt. Wer ihn ernährungsphysiologisch mitrechnet — etwa im Müsli als Milchersatz für Kinder oder ältere Menschen —, sollte Soja oder Erbse nehmen.
Der überraschende Punkt
Warum Bio-Drinks kein Kalzium enthalten
Konventionelle Pflanzendrinks sind fast immer mit Kalzium angereichert, meist auf etwa 120 mg je 100 ml — den Gehalt von Kuhmilch. Das ist der Grund, warum sie als Milchersatz überhaupt funktionieren.
Bio-Pflanzendrinks dürfen das nicht. Die EU-Bio-Verordnung erlaubt den Zusatz von Vitaminen und Mineralstoffen nur, wo er gesetzlich vorgeschrieben ist. Eine freiwillige Anreicherung ist im Bio-Bereich unzulässig. Der Europäische Gerichtshof hat das in einem Verfahren um einen Hersteller von Sojaprodukten bestätigt.
Praktisch heißt das: Wer zum Bio-Haferdrink greift, bekommt in aller Regel ein Produkt mit nahezu keinem Kalzium — und merkt es nicht, weil es dieselbe Verpackungsform und denselben Platz im Regal hat.
Das ist kein Argument gegen Bio. Es ist ein Argument dafür, die Nährwerttabelle anzuschauen. Wer Bio kauft, sollte das Kalzium anderswo holen: über kalziumreiches Mineralwasser, grünes Gemüse wie Grünkohl, Brokkoli oder Rucola, über Sesam und Mandeln, oder über Tofu, der mit Kalziumsulfat gerinnt.
Selten erwähnt
Das Jodproblem
In Österreich und Deutschland ist Kuhmilch eine der wichtigsten Jodquellen der Bevölkerung — nicht weil Milch von Natur aus viel Jod enthält, sondern weil Futtermittel jodiert werden und Jod in der Melktechnik als Desinfektionsmittel eingesetzt wird.
Pflanzendrinks sind praktisch nie mit Jod angereichert. Kalzium ja, Vitamin B12 oft, Vitamin D häufig — Jod fast nie.
Wer von Kuhmilch auf Pflanzendrinks umsteigt, verliert damit eine Jodquelle, ohne es zu bemerken. Das ist einer der Gründe, warum Jod bei veganer Ernährung zu den kritischen Nährstoffen zählt — und warum jodiertes Speisesalz der einfachste Ausgleich ist.
Zum Umfang des Problems: Untersuchungen in Österreich zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung unter der Jodempfehlung liegt, bei vegan lebenden Menschen deutlicher. Details dazu im eigenen Beitrag über Kalzium, Jod, Zink und Vitamin D.
Umwelt
Der Wasser-Mythos
„Mandeldrink braucht 17-mal mehr Wasser als Kuhmilch" — der Satz kursiert seit Jahren und ist irreführend.
Nach Daten des Water Footprint Network verbraucht fertiger Mandeldrink rund 371 Liter Wasser je Liter, Kuhmilch rund 628 bis 1.016 Liter. Pro Liter Endprodukt also deutlich weniger. Beim Treibhausgas ist der Abstand noch größer: etwa 0,7 gegenüber 3,2 Kilogramm CO₂-Äquivalent je Liter.
Die 17-fach-Zahl entsteht durch Vergleiche auf anderer Bezugsgröße — etwa Wasser je Kilogramm Mandelkerne statt je Liter Getränk.
Das heißt nicht, dass es kein Problem gibt. Es liegt nur woanders: nicht bei der Gesamtwassermenge, sondern beim blauen Wasser in einer Dürreregion. Rund 80 Prozent der Weltmandelproduktion stammen aus Kalifornien, wo Bewässerung aus knappen Beständen erfolgt. Dazu die Bienenwanderung — jährlich werden 1,5 bis 1,6 Millionen Völker zur Blüte dorthin transportiert.
Praktische Konsequenz: Hafer aus europäischem Anbau ist ökologisch die unproblematischste Wahl. Soja für Lebensmittel stammt im hiesigen Handel fast immer aus Europa, oft aus Österreich. Mandel ist die Sorte mit dem stärksten regionalen Wasserproblem — und ernährungsphysiologisch ohnehin die dünnste.
Beim Kauf
Worauf zu schauen ist
Zusammengefasst
Vier Punkte
Quellen
Weiterlesen
Was auf der Packung steht und was nicht
Der Bio-Kalzium-Punkt ist ein gutes Beispiel dafür, warum sich das Kleingedruckte lohnt. Wie eine Zutatenliste zu lesen ist, steht im nächsten Beitrag.