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Journal · Praxis

Umsteigen —
was dabei schiefgeht

Die meisten hören wieder auf. Das ist keine Schwäche, sondern hat nachvollziehbare Gründe — und die meisten davon sind bekannt und vermeidbar.

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Information, keine Beratung

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er stellt keine Beratung und keinen Ernährungsplan dar. Bei bestehenden Erkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Kindern sowie bei einer Vorgeschichte mit Essstörungen gehört eine Ernährungsumstellung fachlich begleitet. Mehr dazu

Die unbequeme Zahl

Eine oft zitierte US-Erhebung unter rund 11.000 Erwachsenen kam zu dem Ergebnis, dass 84 Prozent derer, die sich vegetarisch oder vegan ernährt haben, wieder damit aufhören. Rund ein Drittel hielt drei Monate oder kürzer durch, etwa die Hälfte weniger als ein Jahr.

Diese Zahl gehört eingeordnet, nicht übernommen. Sie stammt von einer tierschutznahen Organisation — was sie nicht falsch macht, aber erklärt, warum sie so gründlich erhoben wurde: Man wollte wissen, woran es scheitert. Methodisch zählt sie auch Menschen mit, die es zwei Wochen ausprobiert haben. Wer „aufgehört" so weit fasst, kommt zwangsläufig auf hohe Werte.

Ein Detail aus derselben Erhebung ist aufschlussreicher als die Schlagzeile: Veganer:innen brachen mit 70 Prozent seltener ab als Vegetarier:innen mit 86 Prozent. Das spricht dagegen, dass Strenge das Problem ist.

Gründe

Woran es tatsächlich scheitert

32 %
Unzufriedenheit mit dem EssenDer mit Abstand häufigste Grund. Nicht Ethik, nicht Gesundheit — es hat schlicht nicht geschmeckt oder war fad.
26 %
Gesundheitliches EmpfindenMenschen fühlten sich schlechter. Das deckt sich mit den typischen Anfangsfehlern — zu wenig Energie, zu wenig Protein, kein B12.
13 %
Soziale Gründe49 Prozent derer, die aufhörten, lebten mit einer Person zusammen, die sich nicht so ernährte. Der Küchentisch ist ein unterschätzter Faktor.
13 %
Zu unbequemUnterwegs, im Lokal, in der Kantine, auf Reisen.
6 %
KostenDeutlich seltener als erwartet — Hülsenfrüchte, Getreide und saisonales Gemüse sind günstig. Teuer wird es über Ersatzprodukte.

Bemerkenswert daran: Keiner der Hauptgründe ist ethischer Natur. Es scheitert nicht an der Überzeugung, sondern an Essen, Befinden und Alltag. Das sind lösbare Probleme.

Anfangsfehler

Die fünf, die immer wieder passieren

💊

Fehler 1

Kein B12

Der einzige Punkt, der nicht verhandelbar ist. Der Körper hat Speicher für Monate bis Jahre — deshalb merkt man nichts, bis man etwas merkt.

In der deutschen RBVD-Studie supplementierten 92 Prozent der Veganer:innen, und deren Status war so gut wie der von Mischköstler:innen. Es funktioniert also — wenn man es macht.

📉

Fehler 2

Zu wenig Energie

Pflanzliche Kost ist voluminöser und ballaststoffreicher. Wer Fleisch und Käse einfach weglässt, ohne zu ersetzen, isst plötzlich deutlich weniger Kalorien — und ist müde.

Das erklärt einen großen Teil des „ich fühle mich schlechter". Abhilfe: Nüsse, Samen, Öle, Hülsenfrüchte, Vollkorn — nicht nur Salat.

🌾

Fehler 3

Der Ballaststoffsprung

Von heute auf morgen deutlich mehr Ballaststoffe führt zu Blähungen und Unwohlsein. Der Darm passt sich an, braucht aber Wochen.

Hülsenfrüchte einweichen, gut kauen, Menge schrittweise steigern, ausreichend trinken.

🍕

Fehler 4

Nur Ersatzprodukte

Naheliegend, weil es die Gewohnheiten nicht ändert. Ernährungsphysiologisch der schlechteste Weg — wenig Protein, viel gesättigtes Fett, viel Salz, hoher Preis.

Als Brücke sinnvoll, als Dauerlösung nicht. Siehe eigener Beitrag dazu.

🍽

Fehler 5

Zu wenig Protein

Nicht weil pflanzliches Protein fehlt, sondern weil es beim Umstieg oft schlicht vergessen wird. Frühstück und Zwischenmahlzeiten sind die typischen Lücken.

Hülsenfrüchte, Tofu, Tempeh, Seitan, Sojajoghurt, Nüsse, Vollkorn — über den Tag verteilt, nicht nur abends.

🍳

Der Kern

Nicht kochen lernen

Wenn 32 Prozent aufhören, weil es nicht geschmeckt hat, ist das der eigentliche Befund. Wer drei bis fünf Gerichte wirklich gut kann, hält durch.

Nicht zwanzig Rezepte ausprobieren. Fünf beherrschen.

Vorgehen

Schrittweise oder auf einmal

Dazu gibt es keine belastbare Evidenz. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Menschen, die sich während der Umstellung gesundheitlich gut fühlen, seltener zurückfallen — das spricht eher für ein Tempo, bei dem man mitkommt, sagt aber nichts über schrittweise gegen abrupt.

Was sich aus den Abbruchgründen ableiten lässt, ist etwas anderes: Die Reihenfolge sollte sich nicht daran orientieren, was ethisch am dringendsten wäre, sondern daran, wo man die eigenen Mahlzeiten schon kann. Wer sein Frühstück und zwei Abendessen sicher beherrscht, hat eine tragfähige Basis. Wer bei allem gleichzeitig neu anfängt, hat drei Wochen später keine Routine, sondern Erschöpfung.

Was nicht funktioniert: Umstellung in einer ohnehin belastenden Lebensphase. Das ist kein moralisches Versagen, sondern eine Frage der verfügbaren Aufmerksamkeit.

Umfeld

Der soziale Teil

Dass fast die Hälfte der Aussteiger:innen mit jemandem zusammenlebte, der sich anders ernährt, ist die deutlichste Zahl der ganzen Erhebung. Sie sagt: Ernährung ist keine Einzelentscheidung, wenn man einen gemeinsamen Kühlschrank hat.

Was daraus praktisch folgt, ist unspektakulär: Gerichte, die für alle funktionieren, sind haltbarer als zwei getrennte Küchen. Ein gutes Dal, eine Gemüsepfanne, eine Suppe — das isst der Rest des Haushalts mit, ohne dass jemand etwas verhandeln muss.

Auswärts hilft Vorbereitung mehr als Prinzipientreue. Die Speisekarte vorher anschauen erspart die Situation am Tisch. Genau dafür bauen wir den Finder.

Vorsicht

Wenn Essen eng wird

Ein Punkt, der selten angesprochen wird und deshalb hierhergehört: Vegane Ernährung kann als sozial akzeptierte Form der Einschränkung dienen. Wer aus anderen Gründen kontrolliert, was er isst, findet hier eine Begründung, die niemand hinterfragt.

Die Studienlage zeigt einen Zusammenhang zwischen restriktiven Ernährungsformen und gestörtem Essverhalten, aber keinen klaren Ursachenpfad. Es ist also nicht so, dass vegane Ernährung Essstörungen verursacht — und ebenso wenig, dass jede vegan lebende Person betroffen wäre.

Trotzdem sind ein paar Signale es wert, ernst genommen zu werden: wenn die Liste des Nicht-Erlaubten ständig länger wird, wenn Essen mit anderen zunehmend vermieden wird, wenn Regelverstöße Schuldgefühle auslösen, wenn Gedanken ans Essen viel Raum einnehmen.

In dem Fall ist das kein Ernährungsthema mehr. Anlaufstellen in Österreich sind die Hausärztin oder der Hausarzt sowie spezialisierte Beratungsstellen.

Zusammengefasst

Was tatsächlich hilft

1
B12 von Tag einsNicht später, nicht wenn Symptome kommen. Der einzige Punkt ohne Spielraum.
2
Fünf Gerichte richtig könnenStatt zwanzig auszuprobieren. Der häufigste Abbruchgrund ist Unzufriedenheit mit dem Essen.
3
Genug essenWeglassen ohne Ersetzen erzeugt Müdigkeit, die dann der Ernährungsform zugeschrieben wird.
4
Ballaststoffe langsam steigernDer Darm braucht Wochen. Die Beschwerden am Anfang sind vorübergehend.
5
Den Haushalt mitdenkenGerichte, die alle essen, sind haltbarer als zwei getrennte Küchen.
6
Ersatzprodukte als Übergang behandelnNützlich am Anfang, teuer und ernährungsphysiologisch schwach als Dauerlösung.

Und einer, der nicht in der Liste steht: Ein Rückfall ist kein Scheitern. Die Erhebung zeigt, dass viele mehrfach anlaufen, bevor es hält. Wer daraus ein Alles-oder-nichts macht, erhöht nur die Wahrscheinlichkeit, ganz aufzuhören.

Quellen

Weiterlesen

Warum wir die Abbruchzahl nicht verschweigen

Sie wird ohnehin zitiert, meist von der Gegenseite und ohne Einordnung. Wer sie kennt und weiß, woraus sie sich zusammensetzt, ist besser aufgestellt als jemand, dem erzählt wurde, es sei alles ganz einfach.

Wie man solche Zahlen prüft →