Journal · Gesundheit
Diabetes und
Herz-Kreislauf
Hier sind die Befunde am stärksten — und hier wird am meisten übertrieben. Was die Studien zeigen, wo „Heilung" nicht steht, und ein Ergebnis, das gegen die eigene Seite spricht.
Dieser Beitrag fasst Studienlage zusammen. Er ist keine medizinische Beratung, keine Diagnose und keine Therapieempfehlung. Medikamente werden nicht aufgrund einer Ernährungsumstellung abgesetzt oder reduziert — das ist ausschließlich eine ärztliche Entscheidung. Bei bestehendem Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankung gehört jede Umstellung ärztlich begleitet. Mehr dazu
Vorweg: warum relative Zahlen täuschen
Wenn irgendwo steht, eine Ernährungsweise senke das Risiko „um 40 Prozent", ist das fast immer ein relatives Risiko. Es sagt nichts darüber, wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind.
Beispiel: Sinkt ein Risiko von 2 auf 1,2 Prozent, sind das 40 Prozent relativ — und 0,8 Prozentpunkte absolut. Beide Angaben stimmen. Nur die zweite sagt, was es für eine einzelne Person bedeutet.
Wir nennen im Folgenden beide, wo sie verfügbar sind. Und einen zweiten Punkt gleich mit: Fast alles, was hier steht, stammt aus Beobachtungsstudien. Menschen, die sich vegetarisch ernähren, rauchen im Schnitt weniger, bewegen sich mehr und gehen häufiger zum Arzt. Was davon die Ernährung ist und was der Lebensstil, lässt sich nicht sauber trennen.
Typ-2-Diabetes
Vorbeugung — hier ist die Lage gut
Die Adventist Health Study-2 mit rund 60.000 Teilnehmenden fand eine Diabetes-Prävalenz von 2,9 Prozent bei vegan lebenden Menschen gegenüber 7,6 Prozent bei Nicht-Vegetariern. Dazwischen liegen die Abstufungen: 3,2 Prozent bei Lacto-Ovo-Vegetariern, 4,8 bei Fischessern, 6,1 bei gelegentlichem Fleischkonsum.
Diese Staffelung ist der eigentlich interessante Befund. Sie spricht dafür, dass es sich um einen graduellen Zusammenhang handelt und nicht um einen Alles-oder-nichts-Effekt.
Der wichtigste Zusatzbefund kommt aus einer anderen Auswertung. Eine Analyse von drei großen US-Kohorten mit über 200.000 Teilnehmenden unterschied zwischen gesunder pflanzlicher Kost — Vollkorn, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse — und ungesunder pflanzlicher Kost aus Weißmehl, Zucker und gesüßten Getränken.
Ergebnis: Die gesunde Variante war mit rund einem Drittel niedrigerem Risiko verbunden. Die ungesunde pflanzliche Kost war mit einem etwa 16 Prozent höheren Risiko verbunden.
„Pflanzlich" allein sagt also nichts. Chips und Limonade sind vegan.
Typ-2-Diabetes
Bei bestehender Erkrankung
Hier gibt es kontrollierte Studien, und hier wird es interessanter — auch weil die bekannteste Studiengruppe eine erklärte Interessenlage hat.
Eine viel zitierte Untersuchung an 99 Menschen mit Typ-2-Diabetes verglich eine fettarm-vegane Kost mit einer konventionellen Diabetesdiät über 22 Wochen. Der HbA1c-Wert sank stärker in der veganen Gruppe, ebenso Gewicht und LDL-Cholesterin.
Zur Einordnung gehört: Die Studie stammt von einer US-Organisation, die eine erklärte tierrechtsnahe Position vertritt. Das macht die Ergebnisse nicht falsch — die Studie ist publiziert und methodisch nachvollziehbar. Es heißt nur, dass sie nicht die einzige Quelle sein sollte.
Die unabhängigen Bestätigungen gibt es. Eine Metaanalyse von sieben kontrollierten Studien mit 770 Teilnehmenden fand eine HbA1c-Senkung um etwa 0,4 Prozentpunkte, eine weitere von neun Studien rund 0,36 Prozentpunkte. Beides klinisch relevant.
Und der Vergleich, der selten gezogen wird: Wie schneidet pflanzliche Kost gegen andere Ernährungsformen ab? Netzwerk-Analysen, die mehrere Dutzend Studien zusammenführen, sehen mediterrane Kost bei der Blutzuckerkontrolle meist vorn, kohlenhydratreduzierte Kost beim Gewicht. Pflanzenbasierte Kost liegt im Mittelfeld.
Direkte, unabhängige Vergleichsstudien vegan gegen mediterran bei Typ-2-Diabetes fehlen bislang. Das ist eine echte Lücke.
Die ehrliche Zusammenfassung: Pflanzenbasierte Kost wirkt bei Typ-2-Diabetes. Sie wirkt etwa so gut wie andere gut gemachte Ernährungsumstellungen — nicht besser.
Klarstellung
Remission ist nicht Heilung
Die Behauptung, Typ-2-Diabetes lasse sich durch Ernährung „umkehren" oder „heilen", ist verbreitet und nicht belegt.
Was es gibt, ist Remission: ein HbA1c unter 6,5 Prozent für mindestens drei Monate ohne Diabetesmedikation. Das ist ein definierter, messbarer Zustand — und ein anderer als Heilung.
Die aussagekräftigste Untersuchung dazu arbeitete mit einer stark kalorienreduzierten Formuladiät, nicht mit einer bestimmten Ernährungsform. Nach einem Jahr waren 46 Prozent in Remission, nach zwei Jahren 36 Prozent, nach fünf Jahren noch 13 Prozent.
Entscheidend war der Gewichtsverlust: Von den Teilnehmenden, die mehr als zehn Kilogramm verloren hatten, waren die meisten in Remission.
Was daraus folgt: Remission hängt am Gewichtsverlust, nicht an der Ernährungsform. Wer sie über pflanzliche Kost erreicht, hat sie über den Gewichtsverlust erreicht. Und sie kann zurückgehen, wenn das Gewicht zurückkommt.
Wer „Heilung" verspricht, verspricht etwas, das in keiner Studie steht.
Herz-Kreislauf
Was messbar besser wird
Die LDL-Senkung ist der am besten belegte Einzeleffekt in diesem ganzen Beitrag. Sie stammt aus kontrollierten Studien, nicht aus Beobachtung, und sie ist konsistent.
Der unbequeme Befund
Schlaganfall
Dieselbe Auswertung, die das niedrigere Herzinfarktrisiko zeigte, fand noch etwas anderes — und das wird auf veganen Seiten selten erwähnt.
Vegetarier:innen in der EPIC-Oxford-Kohorte hatten ein um 20 Prozent höheres Schlaganfallrisiko. Absolut: etwa drei zusätzliche Fälle je 1.000 Personen über zehn Jahre. Betroffen waren überwiegend hämorrhagische Schlaganfälle, also Hirnblutungen.
Der Befund ist real und publiziert. Er gehört genannt.
Zur Einordnung, ebenso ehrlich:
- Die absoluten Zahlen sind klein. Insgesamt gab es 300 hämorrhagische Schlaganfälle in der Kohorte, unter vegan lebenden Menschen nur acht. Bei so kleinen Zahlen sind Zufallseffekte möglich.
- Der Befund wurde nicht durchgängig bestätigt. Untersuchungen in Taiwan fanden bei Vegetarier:innen ein niedrigeres Schlaganfallrisiko. US-Kohorten und die UK Biobank fanden keinen erhöhten Wert.
- Es gibt plausible Erklärungen, die nicht die Ernährungsform selbst betreffen. Sehr niedriges Cholesterin ist mit Hirnblutungen assoziiert. Und schlechter B12-Status erhöht Homocystein — ein Risikofaktor. Ein erheblicher Teil der damaligen Kohorte supplementierte nicht.
Was wir daraus machen: Der Befund ist umstritten, nicht widerlegt. Die praktische Konsequenz ist unstrittig und ohnehin unsere Position — B12 ist nicht verhandelbar.
Wir schreiben ihn hin, weil eine Seite, die Quellenkritik betreibt, sich nicht die angenehmen Studien aussuchen kann.
Zusammengefasst
Sechs Punkte
Quellen
Weiterlesen
- Satija et al. 2016 — Plant-Based Diet Index und Typ-2-Diabetes (PLOS Medicine)
- Tong et al. 2019 — EPIC-Oxford, Herzkrankheit und Schlaganfall (BMJ)
- Lean et al. 2024 — DiRECT-Studie, Remission nach fünf Jahren
- Guest et al. 2024 — Metaanalyse zu vegetarischer Kost bei Typ-2-Diabetes
- Medizin-Transparent — Cochrane Österreich, Faktenchecks
- Eigener Beitrag: Wie man eine Quelle prüft
Warum der Schlaganfall-Abschnitt drinsteht
Wer nur die günstigen Studien zitiert, betreibt keine Aufklärung, sondern Werbung. Der Befund ist ohnehin öffentlich — besser, er steht hier mit Einordnung als anderswo ohne.